Warum bleiben wir dort, wo es wehtut?

Weil der Schmerz, den wir kennen, sich sicherer anfühlt als der, den wir nicht einschätzen können.

Im letzten Beitrag habe ich zwischen einem aktiven und einem passiven Modus in der Bedürfnisregulation unterschieden. Der aktive Modus bringt ein Bedürfnis ins Spiel, macht uns sichtbar und angreifbar. Im passiven Modus warten, klagen, hoffen wir, dass jemand anderes erkennt, was wir brauchen.

Wenn der aktive Modus Kontakt und Lebendigkeit verspricht, warum verharren wir dann so oft im passiven?

Die Antwort liegt in der unterschiedlichen Belastungsstruktur. Der passive Modus erzeugt chronische Frustration: dumpfe Enttäuschung, das Gefühl, nicht gesehen zu werden, ein stilles Resignieren. Das ist schmerzhaft, aber kalkulierbar. Wir wissen, wie sich das anfühlt. Es gibt keine Überraschungen.

Der aktive Modus fordert etwas anderes: sich mit dem eigenen Bedürfnis sichtbar zu machen und damit die Möglichkeit zuzulassen, dass das Gegenüber es nicht sieht. Oder schlimmer: es sieht, was wir brauchen, und lehnt es trotzdem ab. Dieses Risiko ist nicht kalkulierbar, und trifft uns tiefer, weil es persönlicher ist.

Vertrauter Schmerz gegen unbekanntes Risiko. Die meisten von uns wählen (unbewusst) den vertrauten Schmerz.

Hinzu kommt ein emotionaler Mechanismus: Was wir im passiven Modus fühlen, ist oft nicht das eigentliche Gefühl, sondern eine Schicht darüber. Die emotionsfokussierte Therapie nennt das sekundäre Emotionen: Klage, diffuse Frustration, Resignation, chronisches Ungenügen. Sie sind real und belastend, aber sie verdecken, was darunter liegt.

Darunter liegen die primären Emotionen: Angst vor Zurückweisung, Scham über das eigene Bedürfnis, Trauer über das, was nie beantwortet wurde. Der passive Modus hält genau diese Gefühle fern. Die sekundären Emotionen sind der Preis, den wir zahlen, um die primären nicht fühlen zu müssen.

Deshalb reicht Einsicht allein oft nicht. Wir können den passiven Modus durchschauen und trotzdem drin bleiben. Weil es nicht um Erkenntnis geht, sondern um eine körperlich-emotionale Gewohnheit, die früh gelernt wurde und tiefer sitzt als jede Analyse. Wer als Kind erfahren hat, dass Bedürfnisse nicht willkommen waren, für den ist der Wechsel in den aktiven Modus kein Entschluss, sondern ein Gang gegen eine innere Schwerkraft.

Die Hartnäckigkeit des passiven Modus zu verstehen, ist kein Grund zur Resignation. Es ist ein Grund, den Druck loszulassen, sich für das eigene Feststecken zu verurteilen. Und von dort aus zu fragen, was es braucht, damit ein Bedürfnis nicht nur erkannt, sondern wirklich ins Spiel gebracht werden kann.

Wer am lautesten einfordert, was er will, hat oft am wenigsten Kontakt zu dem, was er eigentlich braucht.

Den Zugang zu unseren Bedürfnissen können wir verhindern oder fördern, je nachdem, welche Haltung wir einnehmen:

1. Passiv
-> Wir vertreten unser Bedürfnis nicht, sondern setzen voraus, dass andere es zu erfüllen haben.

2. Aktiv
-> Wir bringen es bewußt ins Spiel, mit dem Risiko, dass es nicht erfüllt wird.

Selbstverständlich ist Lautstärke oder Vehemenz kein Eindeutiger Marker für den einen oder anderen Modus: Wer laut klagt, kann im passiven Modus sein. Wer still bleibt und bewusst wählt, wann sie sich zeigt, kann zutiefst aktiv sein.

Entscheidend ist der innere Zugang zum eigenen Bedürfnis.

Der passive Modus zeigt sich in vielen Formen:
~ Als Klage über andere statt als Benennung des Eigenen
~ Als Andeutung, in der Hoffnung, das Gegenüber möge erraten, was gemeint ist
~ Als Forderung, die den anderen zum Verantwortlichen macht
~ Oder als Selbstbeschreibung, die Veränderung ausschließt: “Ich bin halt nicht der Typ, der sich durchsetzt.”

Der passive Modus ist problematisch, weil Beziehung so zur Bühne für stagnierende Frustration wird statt für echte Begegnung. Das Bedürfnis bleibt unerfüllt, und die Verantwortung wird dem Gegenüber zugeschoben. Das kann Erwartungsmuster bilden, die entweder abtörnen oder dazu führen, dass keine Freiheit oder Selbständigkeit in Beziehungen (Privat wie Beruflich) entstehen kann.

Wer im passiven Modus bedient wird, wird klein gehalten.

Der passive Modus ist fast immer eine früh gelernte Lösung. Wer erfahren hat, dass Bedürfnisse überhört, bestraft oder ignoriert werden, für den ist Warten oder hoffen sicherer als das eigene Sichtbarwerden. Diese Strategie schützt vor dem Risiko der Zurückweisung und verhindert damit genau den Kontakt, den das Bedürfnis sucht.

Im aktiven Modus zu sein bedeutet, sich sichtbar und angreifbar zu machen. Nicht, weil wir Gewissheit haben, dass es gut ausgeht, sondern weil uns das Bedürfnis wichtig genug ist, um das Risiko zu tragen.

Aktiv sein heißt dabei nicht, immer alles auszusprechen. Es heißt, wählen zu können: Wann bringe ich mein Bedürfnis mit anderen ins Spiel, mit aller Verletzlichkeit, die dazugehört? Und wann stelle ich es bewusst zurück, nicht aus Angst, sondern aus Situationsbewusstsein? Bewusst zurückstellen heißt gleichzeitig, das Bedürfnis zu spüren, es sich zuzugestehen und den Moment abzuwarten. Das ist etwas grundlegend anderes als chronisch unterdrücken, wo das Bedürfnis gar nicht mehr gefühlt werden darf.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob ein Bedürfnis erfüllt wird. Sondern ob es überhaupt im Spiel ist.

“Du weißt genau, was du tun müsstest.”
“Aber ich kann gerade nicht.”
Dann:

“Das sagst du jedes Mal. Reiß dich zusammen.”
“Ich strenge mich doch an. Es reicht nur nie.”

“Weil du zu früh aufgibst.”
“Weil es keinen Unterschied macht, wie sehr ich es versuche.”

“Dann mach’s eben anders.”
“Ich weiß nicht wie. Ich weiß nur, dass es so nicht weitergeht.”

“Dann fang endlich an, etwas zu verändern.”
“…”

Zwei Stimmen, die aufeinander antworten. Keine gewinnt. Keine weicht. Und sie hören nicht auf.

Auf der einen Seite eine innere Instanz, die Anforderungen stellt: “Sei disziplinierter. Sei perfekter. Gib mehr.” Sie will Stabilität sichern, oft über Leistung, Kontrolle oder Anpassung. Damit will sie vermeintliche Bedürfnisse bedienen, z.B. nach Sicherheit, nach Zugehörigkeit, nach Selbstachtung. Und sie tut es über Druck.

Auf der anderen Seite ein Teil, der darauf reagiert, nicht mit Widerstand, sondern mit Stagnation: durch stille Unterwerfung, durch Erschöpfung, durch Ablenkung, manchmal durch leise Rebellion. Dieser Teil schützt etwas, und er tut es durch Rückzug statt durch Kontakt.

Keine der Seiten dient so richtig einem echten Bedürfnis, es ist in dieser Form des inneren Gesprächs gar nicht richtig im Spiel.

Beide Stimmen halten einander am Leben. Die Anforderung braucht das Scheitern, um weiter mahnen zu dürfen. Die Erschöpfung braucht die Anforderung, um das eigene Nicht-Können zu erklären. Was aussieht wie ein Kampf, ist ein stabiles, unfruchtbares Gleichgewicht.

In meiner Arbeit als Coach begegne ich diesem Muster häufig:

Jemand fasst z.B. über Monate immer wieder den Vorsatz, sich im Beruf klarer abzugrenzen. Sie weiß genau, was sie will. Sie kann es benennen, reflektieren, analysieren. Und setzt es nie um. Nicht aus Schwäche, sondern weil innerlich eine Dynamik in Betrieb war: “Setz dich durch” gegen “Dann verlierst du den Anschluss.” Keine der beiden Stimmen ist nachweislich falsch. Aber zusammen erzeugten sie Stillstand.

Das ist kein Mangel an Einsicht. Es ist eine Struktur, die genau dafür gebaut ist, stabil zu bleiben. Sie war einmal eine kluge Lösung: Wer früh gelernt hat, dass eigene Bedürfnisse Konflikte auslösen, oder dass ein Bedürfnis eh keine Chance hat, für den ist dieser innere Patt sicherer als jede Veränderung.

Der erste Schritt ist nicht, eine der beiden Stimmen zum Schweigen zu bringen. Sondern zu bemerken, dass das, worum es eigentlich geht, in diesem Gespräch gar nicht vorkommt. Beide Stimmen verhandeln über Bedürfnisse, aber keines sitzt wirklich mit am Tisch. Solange das so bleibt, dreht sich der Dialog weiter. Nicht weil er muss, sondern weil er nichts anderes kann.

Die Stimme einer Mutter, die sagte: “Steh zu deinem Wort”, war vielleicht genau das, was ein Kind brauchte, um Orientierung und Selbstachtung zu entwickeln. Aber dieselbe Stimme kann zwanzig Jahre später dazu führen, dass eine Führungskraft an einer Entscheidung festhält, obwohl sich die Lage längst verändert hat.

Verlässlichkeit wird dann zu Rigidität.

Auch wohlwollende innere Stimmen haben einen blinden Fleck: Sie entstehen in einem bestimmten Kontext. Und sie wissen nicht, wann dieser Kontext sich verändert hat.

Die Stimme klingt immer noch wohlwollend und fühlt sich richtig an. Genau deshalb ist sie so schwer zu hinterfragen.

Im beruflichen Kontext zeigt sich das häufig bei Wechseln, zwischen Teams, Rollen, Branchen, Kulturen:

~ Eine Ingenieurin wechselt in ein Startup. Ihre innere Stimme sagt: “Gründlichkeit zahlt sich aus.” Was sie jahrelang erfolgreich gemacht hat, wird im neuen Umfeld zum Bremsklotz. Dort zählen Geschwindigkeit, Iteration, gute-genug-Lösungen. Die Stimme meint es gut, aber sie spricht aus einer Welt, die nicht mehr die aktuelle ist. Sie bedient ihr Bedürfnis nach Sicherheit und Selbstachtung und hemmt gleichzeitig den Pol Freiheit.

~ Ein Manager, der in einer Kultur sozialisiert wurde, in der Bescheidenheit als Tugend galt, bekommt ein Mandat in einem Umfeld, das Sichtbarkeit und Selbstvermarktung belohnt. Seine innere Stimme sagt: “Du musst dich nicht aufdrängen, sei wie du bist.” Was einst Respekt und Zugehörigkeit sicherte, kostet ihn in diesem Kontext Einfluss und Wirksamkeit. Und den Zugang zum Bedürfnis, sich zu zeigen und einzigartig zu sein.

In diesen Situationen bedient die wohlwollende Stimme einen bestimmten Pol, wie Sicherheit, Zugehörigkeit, Selbstachtung. Aber sie tut es auf eine Weise, die im aktuellen Kontext den Gegenpol verschließt. Nicht, weil das Bedürfnis nicht da wäre, sondern weil eine gut gemeinte Stimme seinen Platz in diesem Raum besetzt.

Das Problem ist nicht die Stimme selbst. Sie war einmal passend, und ist es in bestimmten Umfeldern auch immer noch. Sie war und ist eine kluge Antwort auf eine bestimmte Welt.

Das Problem entsteht oft dann, wenn wir aufhören zu prüfen, ob diese Welt noch die ist, in der wir leben.

Wohlwollende Stimmen verdienen Dankbarkeit und Befragung. Nicht, um sie loszuwerden, sondern um zu spüren, welchen Bedürfnissen sie Raum geben, welchen nicht, und ob ich meine Wahlmöglichkeiten erweitern will. Vielleicht will ich mich auf einen neuen Kontext einlassen und neue Stimmen zulassen. Vielleicht suche ich mir Umfelder, die zu meinen Stimmen passen. Beides hat seinen Ort. Was sich lohnt, ist zu spüren, wer da gerade entscheidet.

Als Kinder sind wir darauf angewiesen, dass andere uns beim regulieren helfen. Wir können Gefühle nicht alleine einordnen, Bedürfnisse nicht alleine balancieren. Wir brauchen Resonanz von außen, um uns selbst spüren zu lernen.

Wenn eine wichtige Bezugsperson uns in einem Moment der Not beruhigt, ohne zu bewerten, wenn sie unsere Wut aushält, ohne zu bestrafen, oder wenn sie uns erlaubt, traurig zu sein, ohne es wegzumachen, dann lernen wir: So kann man mit mir umgehen. So darf ich sein.

Solche Begegnungen verdichten sich zu inneren Bildern, die in uns wohnen, auch wenn die Menschen längst nicht mehr da sind. Sie werden wie innere Stimmen, die erlauben, ermutigen, Raum geben.

Wie wirken wohlwollende Fremdrepräsentanzen?

Eine Führungskraft steht vor einer schwierigen Entscheidung. In ihr meldet sich eine Stimme, die nicht drängt, sondern fragt: “Was brauchst du, um das gut entscheiden zu können? Welche Sorge treibt dich um? Lass dir Zeit.” Diese Stimme stammt vielleicht von einem früheren Mentor, der Raum gegeben hat, statt Druck zu machen.

Ein Partner äußert einen Wunsch, der nicht sofort erfüllt werden kann. Statt Enttäuschung entsteht innen: “Ich bin traurig und gleichzeitig ist es für den Moment OK.” Diese Gelassenheit stammt aus einer Zeit, wo der Partner feinfühlig in seiner Wut als Kind begleitet wurde, wenn er nicht immer gleich das bekommen hat, was er wollte.

Wohlwollende Fremdrepräsentanzen sind genauso wirksam wie die kritischen und genauso gelernt.

Der Unterschied: Sie öffnen Räume, statt sie zu verschließen. Sie ermöglichen Kontakt zu dem, was wir brauchen, statt uns davon abzuschneiden – ob wir das Bedürfnis grad erfüllen können oder nicht.

Nicht jeder hat viele wohlwollende Stimmen verinnerlicht. Manchmal gab es sie nicht, oder die kritischen waren zu mächtig.

Die gute Nachricht ist, dass Fremdrepräsentanzen sich auch später bilden können. Sie entstehen überall dort, wo wir Beziehungserfahrungen machen (die anders sind als die gewohnten).

Z.B. ein Coach sein, der nicht nur selbst nicht bewertet, sondern dabei unterstützt, dass wir es mit uns selbst auch nicht tun. Eine Freundin, die zuhört, ohne zu reparieren. Ein Kollege, der Fehler normalisiert. Eine Therapeutin, die aushält, was wir selbst kaum aushalten können.

Entscheidend ist nicht, dass diese Menschen perfekt sind. Entscheidend ist, dass wir in ihrer Gegenwart erleben können, was wir uns alleine nicht erlauben. Dass wir ein wohlwollenderes Bild von uns selbst erproben können.

Solche Erfahrungen brauchen Zeit und Wiederholung. Aber sie können sich verdichten, zu neuen inneren Stimmen werden, die mit der Zeit vertrauter klingen.

“Man macht das so.”
“Man ist nicht so bedürftig.”
“Man fällt anderen nicht zur Last.”

Wer spricht da eigentlich?

In den letzten beiden Beiträgen habe ich die Unterscheidung zwischen Selbst- und Fremdrepräsentanzen eingeführt. Heute will ich vertiefen, woran wir erkennen, dass eine Fremdrepräsentanz aktiv ist- ein inneres Bild davon, wie wir die Welt erleben und was wir erwarten.

Diese Bilder prägen, wie wir in Beziehungen gehen, bevor die andere Person überhaupt aktiv geworden ist. Und sie können den Zugang zu unseren Bedürfnissen blockieren, noch bevor wir sie spüren.

Fremdrepräsentanzen sind schwer zu durchschauen, weil sie sich wie Realität anfühlen.

Doch unangenehme Gefühle wie Angst, Scham oder Schuld informieren uns nicht unbedingt über die tatsächlichen Gefahren der Welt, sondern darüber, was wir gelernt haben, für gefährlich zu halten.

Das ist ein großer Unterschied. Wenn ich als Kind gelernt habe, dass Nähe mit Vereinnahmung einhergeht, dann meide ich heute vielliecht Nähe, auch wenn mein Partner gar nicht vereinnahmt. Mein Körper reagiert auf das innere Bild, nicht auf die Person vor mir.

Die Vergangenheit wird in der Gegenwart lebendig, ohne dass ich es bemerke.

Woran erkenne ich, dass eine Fremdrepräsentanz aktiv ist?

~”Man”-Sätze
Wenn ich von “man” spreche statt von “ich”, spricht oft eine verinnerlichte Erwartung. “Man ist nicht so empfindlich.” “Man funktioniert.” Was wie allgemeine Wahrheit klingt, ist ein inneres Bild, auf das ich reagiere.

~Gesichter tauchen auf
In der Arbeit mit Stühlen oder anderen Externalisierungen passiert es oft, dass wenn sich ein Klient mit einer inneren Erwartung beschäftigt, plötzlich ein bekanntes Gesicht auftaucht, z.B. der Mutter oder des Vaters.

~Beziehungen triggern inneres
Der Partner äußert Erwartungen, auf die ich innerlich sofort anspringe. Die Chefin kritisiert, etwas in mir kollabiert. Oft ist das, was im Außen triggert, eine Entsprechung zu einem inneren Bild, das lange da war.

~Projektionen
Ich erlebe den anderen als fordernd, kritisch, abweisend, und merke erst später, dass ich mein inneres Bild auf ihn projiziert habe. Aus inneren Konflikten werden äußere, ohne dass ich es mitkriege.

~Körperreaktionen vor dem Kontakt
Schon bevor ich den Raum betrete, spannt sich etwas an. Schon bevor ich frage, weiß ich, dass die Antwort Nein sein wird. Der Körper reagiert auf ein Bild, nicht auf die Realität.

Das Fremde in mir zu erkennen, heißt nicht, es loszuwerden, sondern, es von der Realität zu unterscheiden.

Erst dann entsteht die Möglichkeit zu prüfen: Stimmt dieses Bild noch? Oder steht es zwischen mir und dem, was ich eigentlich brauche?

Manager, Firefighter, Exiles. Innere Teammitglieder, Ego States, Anteile, Seiten.

Viele Therapie- und Coachingansätze, wie IFS, das innere Team von Schulz von Thun, die Ego State Therapie, und viele weitere Arbeiten mit verschiedenen Ich-Zuständen. Eines, was diese Ansätze eint, ist die Sicht, dass wir nicht eine monolithische Persönlichkeit sind, sondern verschiedene Persönlichkeitsmuster in uns tragen.

Die Unterscheidung dieser verschiedenen Teile in Selbst- und Fremdrepräsentanzen fügt dem etwas Wesentliches hinzu: Sie trennt zwischen dem Bild von mir selbst und dem Bild von der Welt.

Selbst- und Fremdrepräsentanzen entstehen aus frühen Beziehungserfahrungen und verdichten sich zu stabilen inneren Strukturen. Es “gibt” sie nicht als Dinge, sie sind musterbildende Beobachtungsergebnisse.

Was einmal eine kluge Antwort auf eine schwierige Situation war, verfestigt sich zu etwas, das zwischen uns und unseren Bedürfnissen steht, und mitentscheidet, welche Bedürfnisse wir uns erlauben und welche wir gar nicht mehr spüren dürfen.

Denn oft ist es nicht “ich”, der ein Bedürfnis ablehnt, sondern ein bestimmter Anteil, geformt aus alten Erfahrungen, die heute nicht mehr gelten.

Diese Trennung erzeugt eine produktive Spannung, die eine Bearbeitung der Beeinträchtigung unterstützt oder gar erst möglich macht:

Ohne die Trennung bleibt das Erleben oft diffus und allgegenwärtig. Alles fließt ineinander: Selbstbild, Erwartung an andere, Gefühl, Körperempfindung. Es lässt sich nicht greifen, nicht verorten, nicht bearbeiten.

Mit der Unterscheidung verdichtet sich das Diffuse zu etwas Konkretem. Das Selbstbild wird vom Fremdbild trennbar. Was vorher überschwemmend war, bekommt Kontur und wird besprechbar.

In der Arbeit mit Stühlen oder anderen Externalisierungen zeigt sich der Wert besonders deutlich: Wenn ich eine Fremdrepräsentanz nach außen verlagere, z.B. auf einen Stuhl, ein Kissen, einen Platz im Raum, dann muss ich sie für einen Moment nicht mehr in mir tragen. Sie wird zur Gestalt, mit der ich mich auseinander setzen kann.

Eine Managerin fühlt sich chronisch überfordert:

🌫️ Diffus: “Ich bin dem nicht gewachsen.”
💎 Prägnant: “Ein Teil von mir sagt, ich muss perfekt sein (SR). Und ich erwarte, dass jeder Fehler bestraft wird (FR).”

Oder:

Ein Klient kann keine Wünsche äußern:

🌫️ Diffus: “Ich bin einfach nicht so.”
💎 Prägnant: “Ich erlebe mich als zu viel (SR). Und ich erwarte Ablehnung, wenn ich etwas fordere (FR).”

Von diffus zu prägnant. Von überschwemmt zu verdichtet. Das ist der Gewinn der Unterscheidung, und oft der erste Schritt, um wieder Zugang zu unseren Bedürfnissen zu finden.

Sprechen wir über unsere Wünsche, Ziele oder Hemmungen, tun wir oft so, als hätten wir nur eine innere Stimme, die spricht. Dabei können wir unsere Persönlichkeit in der Praxis eher als Ansammlung verschiedener Persönlichkeitsteile verstehen.

Wenn das so ist: Wer genau “in uns” erlaubt oder verweigert den Zugang zu einem Bedürfnis?

In meiner Arbeit mit Klientinnen unterscheide ich meist zwischen zwei Arten innerer Muster: Selbst- und Fremdrepräsentanzen.

Selbstrepräsentanzen sind innere Bilder davon, wie wir uns selbst erleben. Sie sind nicht statisch, sondern bilden das ab, was wir gerade an uns erleben und zum Ausdruck bringen – durch Wahrnehmen, Fühlen, Wollen, Denken, Tun.

“Ich bin jemand, der vorsichtig ist.”
“Ich bin nicht so bedürftig.”
“Ich halte mich zurück.”

Diese Muster entstanden oft als kluge Antworten auf schwierige Situationen.

Fremdrepräsentanzen sind innere Bilder davon, wie wir andere Menschen und das Außen erleben – und was wir von ihnen erwarten.

“Wenn ich Nähe wünsche, werde ich vereinnahmt.”
“Wenn ich mich zeige, werde ich abgelehnt.”
“Andere sind nicht verlässlich.”

Diese Erwartungen prägen, wie wir Beziehungen eingehen, oft bevor das Gegenüber überhaupt reagiert hat.

Beide wirken zusammen. Wenn also ein beeinträchtigtes Bedürfnis aktiv wird, meldet sich oft eine Selbstrepräsentanz, z.B. so: “Sei nicht so bedürftig”.

Dazu kommt dann eine Fremdrepräsentanz, z.B.: “Du wirst sowieso enttäuscht werden”. Gemeinsam halten sie das Bedürfnis in Schach.

Das Tückische daran ist, dass beides innere Bilder sind, geformt aus Erfahrungen, die Teil von uns sind. “So bin ich eben” und “So wird es sein” fühlen sich gleichermaßen wahr an. Aber das eine bezieht sich auf mich, das andere auf die Welt.

Im Arbeitskontext:
~ Eine Führungskraft zögert, Unterstützung anzunehmen. Innerlich sagt etwas: “Ich schaffe das allein” (SR) und gleichzeitig: “Wer Hilfe braucht, wird als schwach gesehen” (FR).

In Beziehungen:
~ Ein Partner äußert keine Wünsche. “Ich bin eben genügsam” (SR). Und dazu: “Wenn ich zu viel will, werde ich verlassen” (FR).

Die Frage “Wer spricht da eigentlich?” öffnet den Raum für Differenzierung. Zwischen dem, wie ich mich selbst erlebe, und dem, was ich von anderen erwarte. Zwischen innerem Bild und äußerer Realität.

Und erst wenn ich höre, wer da spricht, kann ich fragen: Stimmt dieses Bild noch – oder war es einmal eine Lösung, die heute im Weg steht?

Zwei Fragen zur Reflexion
~ Welche Sätze über mich selbst tauchen auf, wenn ein Bedürfnis sich meldet?
~ Und was erwarte ich in diesem Moment von anderen?

Was braucht es, um wieder Zugang zu unseren Bedürfnissen zu finden?

In den letzten Beiträgen habe ich beschrieben, wie Bedürfnisse mit Schmerz gekoppelt werden und welche Schutzstrategien wir entwickeln, um mit schwierigen Beziehungserfahrungen und Lebensumständen bestmöglich klarzukommen.

In den nächsten Wochen soll es darum gehen, was wir tun können, um zurück zu unseren Bedürfnissen zu finden.

Heute gebe ich einen ersten Überblick – eine Orientierung, was im Coaching geschehen kann und was Menschen selbst tun können. In den kommenden Beiträgen werde ich dann einzelne Aspekte vertiefen, die mir besonders wichtig erscheinen.

◽️Im Coaching: Verschiedene Bewegungen, die ineinandergreifen◽️

In meiner Arbeit mit Klienten geht es um Bewegungen, die nicht linear ablaufen, sondern sich gegenseitig bedingen. Häufig geht es dabei um folgende Themen:

~ Erforschen, was Bedürfnis ist und was Abwehr: Die Unterscheidung ist oft nicht offensichtlich, besonders wenn Muster jahrzehntelang gefestigt sind.

~ Differenzierung: Zwischen damals und heute. Zwischen Bedürfnis und Vermeidung. Zwischen passivem Empfangen und aktivem Ausdruck – nicht „Anerkennung bekommen”, sondern „sich zeigen wollen”.

~ Die Schutzfunktion verstehen und würdigen: Die Abwehr war eine kluge Lösung. Wenn diese Leistung anerkannt ist, kann die Vermeidung zur Seite gebeten werden, um dem Bedürfnis Raum zu geben.

~ Das Bedürfnis selbst erforschen: Dem Bedürfnis nachspüren – was will sich zeigen? Welche expansive Qualität entsteht, wenn man sie zulässt, und wie spüre ich dann die Vermeidung?

~ Dabei auch kleine Experimente machen: In geschützten Räumen ausprobieren, was passiert, wenn das Bedürfnis mehr Raum bekommt.

◽️Was Menschen selbst tun können◽️

Auch ohne professionelle Begleitung gibt es Wege:

~ Widersprüche wahrnehmen zwischen dem, was wir sagen („Ich brauche das nicht”) und dem, was wir fühlen (Leere, Unruhe, nächtliches Grübeln)

~ Körpersignale ernst nehmen als Hinweise auf abgewehrte Bedürfnisse

~ Kleine, sichere Experimente wagen in Kontexten, die sich sicher anfühlen

~ Unterscheiden lernen zwischen echten Bedürfnissen (fühlen sich eher lebendig an) und Abwehr (fühlen sich eher kontrolliert an)

~ Geduld mit sich selbst – Bedürfnisse, die jahrzehntelang mit Schmerz gekoppelt waren, öffnen sich nicht über Nacht

Das ist keine abschließende Liste. Auch was ich als Coaching-Ansätze gelistet habe kann jeder natürlich auch selbst für sich ausprobieren.

In den kommenden Wochen will ich mich diesen und evtl. anderen Ansätzen widmen.

Warum sagen wir manchmal “Ich brauche das nicht”, und fühlen uns trotzdem leer?

Wird ein Bedürfnis mit einem inneren Schmerz gekoppelt, reagieren wir (unbewusst) so, dass wir einerseits aus Schutz den Schmerz abwehren, und dabei gleichzeitig dem gekoppelten Bedürfnis nicht nachgehen.

In meiner Arbeit als Coach beobachte ich oft folgende drei Formen von Schutzbewegungen:

1. Unterdrückung: Gar nicht mehr spüren

Das Bedürfnis wird aus dem bewussten Erleben ausgeschlossen, wie eine Art psychische Betäubung.

Wir sagen dann Sätze wie: “Hilfe brauche ich nicht,” oder “Erholung ist nicht so wichtig” – Weil Nähe, Stille, oder Zugehörigkeit einst Verletzung bedeutete.

Das Bedürfnis wird abgeschnitten vom bewussten Selbstbild.

2. Ersatz finden: Was anderes brauchen

Wir suchen uns Ersatz für das Bedürfnis, dass nicht gelebt werden kann, oft als Antwort oder Lösung für die Unterdrückung. Dabei finden wir Alternativen, die weniger bedrohlich scheinen.

Statt sich Zugehörigkeit im Team erleben zu lassen, werden endlose Stunden in Perfektion individueller Leistung investiert.

Oder: statt Autonomie zu leben, wird Kontrolle über den Partner ausgeübt. Macht ersetzt Freiheit. Nicht selbst entscheiden, sondern andere dirigieren.

3. Umkehrung: Das gegenteilige suchen

Eine besonders ausgefeilte Form, ein Bedürfnis zu spüren, ist das gegenteilige zu überhöhen und das eigentliche Bedürfnis zu verschmähen.

Wer z.B. Autonomie fürchtet, wird überangepasst und flüchtet sich in die Sicherheit: „Sag du mir, was richtig ist. Ich vertraue deiner Entscheidung.“ Der Kollege, der keine eigene Meinung äußert, immer fragt, nie entscheidet – und dabei glaubt, das sei Teamfähigkeit. Freiheitsbestreben wird dann als egoistisch oder unpassend abgetan.

Das ist es eine besonders mächtige Form des Schutzes: Das Bedürfnis wird nicht nur versteckt oder ersetzt, sondern aktiv abgelehnt. Wir identifizieren uns mit dem Gegenpol und verteidigen ihn vehement.

Der Teufelskreis

Das eigentliche Problem: Das Bedürfnis bleibt aktiv und verschwindet nicht durch Abwehr.

Es drängt weiter nach Erfüllung, aber jede Annäherung daran löst den alten Schmerz aus. Also ziehen wir uns zurück, bevor wir wirklich ankommen.

Von innen ist es ein Ringen zwischen dem, was wir existenziell brauchen, und dem, was wir uns nicht erlauben können zu wollen.

Die Abwehr kostet Energie. Aber der Schmerz, den sie fernhält, fühlt sich existenzieller an.

Nächste Woche beschreibe ich, warum diese Abwehr mal klug und notwendig war, und was es heute braucht, um wieder Zugang zu Bedürfnissen zu finden.

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