Die Illusion der einen Persönlichkeit

Manager, Firefighter, Exiles. Innere Teammitglieder, Ego States, Anteile, Seiten.

Viele Therapie- und Coachingansätze, wie IFS, das innere Team von Schulz von Thun, die Ego State Therapie, und viele weitere Arbeiten mit verschiedenen Ich-Zuständen. Eines, was diese Ansätze eint, ist die Sicht, dass wir nicht eine monolithische Persönlichkeit sind, sondern verschiedene Persönlichkeitsmuster in uns tragen.

Die Unterscheidung dieser verschiedenen Teile in Selbst- und Fremdrepräsentanzen fügt dem etwas Wesentliches hinzu: Sie trennt zwischen dem Bild von mir selbst und dem Bild von der Welt.

Selbst- und Fremdrepräsentanzen entstehen aus frühen Beziehungserfahrungen und verdichten sich zu stabilen inneren Strukturen. Es “gibt” sie nicht als Dinge, sie sind musterbildende Beobachtungsergebnisse.

Was einmal eine kluge Antwort auf eine schwierige Situation war, verfestigt sich zu etwas, das zwischen uns und unseren Bedürfnissen steht, und mitentscheidet, welche Bedürfnisse wir uns erlauben und welche wir gar nicht mehr spüren dürfen.

Denn oft ist es nicht “ich”, der ein Bedürfnis ablehnt, sondern ein bestimmter Anteil, geformt aus alten Erfahrungen, die heute nicht mehr gelten.

Diese Trennung erzeugt eine produktive Spannung, die eine Bearbeitung der Beeinträchtigung unterstützt oder gar erst möglich macht:

Ohne die Trennung bleibt das Erleben oft diffus und allgegenwärtig. Alles fließt ineinander: Selbstbild, Erwartung an andere, Gefühl, Körperempfindung. Es lässt sich nicht greifen, nicht verorten, nicht bearbeiten.

Mit der Unterscheidung verdichtet sich das Diffuse zu etwas Konkretem. Das Selbstbild wird vom Fremdbild trennbar. Was vorher überschwemmend war, bekommt Kontur und wird besprechbar.

In der Arbeit mit Stühlen oder anderen Externalisierungen zeigt sich der Wert besonders deutlich: Wenn ich eine Fremdrepräsentanz nach außen verlagere, z.B. auf einen Stuhl, ein Kissen, einen Platz im Raum, dann muss ich sie für einen Moment nicht mehr in mir tragen. Sie wird zur Gestalt, mit der ich mich auseinander setzen kann.

Eine Managerin fühlt sich chronisch überfordert:

🌫️ Diffus: “Ich bin dem nicht gewachsen.”
💎 Prägnant: “Ein Teil von mir sagt, ich muss perfekt sein (SR). Und ich erwarte, dass jeder Fehler bestraft wird (FR).”

Oder:

Ein Klient kann keine Wünsche äußern:

🌫️ Diffus: “Ich bin einfach nicht so.”
💎 Prägnant: “Ich erlebe mich als zu viel (SR). Und ich erwarte Ablehnung, wenn ich etwas fordere (FR).”

Von diffus zu prägnant. Von überschwemmt zu verdichtet. Das ist der Gewinn der Unterscheidung, und oft der erste Schritt, um wieder Zugang zu unseren Bedürfnissen zu finden.