Wenn Bedürfnisse schmerzen
Ein Kind kommt voller Stolz von der Schule nach Hause. Die erste Eins in Mathe. Überglücklich reißt es die Tür zum Wohnzimmer auf und ruft laut:
“Papa, schau mal!”
Der Vater sitzt arbeitend am Schreibtisch und antwortet ärgerlich:
“Kannst du nicht anklopfen?! Und sei nicht immer so laut!”
Das Kind steht da, sein Stolz erstarrt.
Solche Szenen erlebt es in unterschiedlichen Formen. Irgendwann hört es auf, die Türe zu öffnen.
Was hinter der Tür liegen könnte, wie Resonanz auf seinen Stolz oder ein mitfreuen auf sein Strahlen, wird unerreichbar.
So geschieht es oft, wenn Bedürfnisse beeinträchtigt werden:
~ Ein Kind äußert einen Wunsch nach Nähe. Und wird beschämt.
~ Es zeigt Autonomie. Und wird bestraft.
~ Es zeigt sich Einzigartig. Und wird lächerlich gemacht.
Das Bedürfnis selbst erhält eine Antwort, die schmerzt. Geschieht das einmalig oder in wenig bedeutsamen Beziehungen, sind die Folgen meist vernachlässigbar.
Passiert das in wichtigen Beziehungen wiederholt, wird das Bedürfnis nicht nur frustriert,
es wird gefährlich.
Das Bedürfnis an sich bleibt bestehen, es ist ja angeboren. Aber es wird mit einem negativen Affekt gekoppelt, wie Angst, Scham, Schuld, Hilflosigkeit.
Was eigentlich Orientierung geben sollte, wird zur Quelle von Verunsicherung.
Das Kind lernt:
“Wenn ich Nähe will, werde ich verletzt.”
Oder:
“Wenn ich frei sein will, werde ich verlassen.”
Oder:
“Wenn ich mich zeige, werde ich bloßgestellt.”
Diese Erfahrungen prägen sich als emotionales Muster ein, und wirken in unserem Erwachsenenleben weiter:
◽️Wie der Kollege, der keine Unterstützung annehmen kann, weil Bedürftigkeit einst Schwäche bedeutete und mit Abwertung beantwortet wurde.
◽️Wie die Führungskraft, die keine Entscheidungen trifft, weil sie als Kind die elterliche Angst vor ihrem Autonomiebestreben übernommen hat.
◽️Oder wie die Partnerin, die keine Wünsche äußert, weil eigene Bedürfnisse früher als egoistisch galten und Zurückweisung nach sich zogen.
Von außen können diese Verhaltensweisen wie Charaktereigenschaften wirken. Im inneren ist es aber Schutz vor altem Schmerz.
Die Konsequenz ist, dass das Bedürfnis nicht mehr als wegweisendes Signal behandelt wird, sondern als Problem. Es verschwindet nicht, sondern wird innerlich abgelehnt.
Wir entwickeln dann Strategien, um das Bedürfnis nicht mehr spüren zu müssen. Denn es zu spüren, hieße, den Schmerz wieder zu fühlen.
In den nächsten beiden Beiträgen gehe ich darauf ein, wie wir uns vor diesen schmerzhaften Bedürfnissen schützen, was die Folgen davon sind, und was es braucht, um wieder Zugang zu ihnen zu finden.