Wenn Lautstärke Kontakt ersetzt
Wer am lautesten einfordert, was er will, hat oft am wenigsten Kontakt zu dem, was er eigentlich braucht.
Den Zugang zu unseren Bedürfnissen können wir verhindern oder fördern, je nachdem, welche Haltung wir einnehmen:
1. Passiv
-> Wir vertreten unser Bedürfnis nicht, sondern setzen voraus, dass andere es zu erfüllen haben.
2. Aktiv
-> Wir bringen es bewußt ins Spiel, mit dem Risiko, dass es nicht erfüllt wird.
Selbstverständlich ist Lautstärke oder Vehemenz kein Eindeutiger Marker für den einen oder anderen Modus: Wer laut klagt, kann im passiven Modus sein. Wer still bleibt und bewusst wählt, wann sie sich zeigt, kann zutiefst aktiv sein.
Entscheidend ist der innere Zugang zum eigenen Bedürfnis.
Der passive Modus zeigt sich in vielen Formen:
~ Als Klage über andere statt als Benennung des Eigenen
~ Als Andeutung, in der Hoffnung, das Gegenüber möge erraten, was gemeint ist
~ Als Forderung, die den anderen zum Verantwortlichen macht
~ Oder als Selbstbeschreibung, die Veränderung ausschließt: “Ich bin halt nicht der Typ, der sich durchsetzt.”
Der passive Modus ist problematisch, weil Beziehung so zur Bühne für stagnierende Frustration wird statt für echte Begegnung. Das Bedürfnis bleibt unerfüllt, und die Verantwortung wird dem Gegenüber zugeschoben. Das kann Erwartungsmuster bilden, die entweder abtörnen oder dazu führen, dass keine Freiheit oder Selbständigkeit in Beziehungen (Privat wie Beruflich) entstehen kann.
Wer im passiven Modus bedient wird, wird klein gehalten.
Der passive Modus ist fast immer eine früh gelernte Lösung. Wer erfahren hat, dass Bedürfnisse überhört, bestraft oder ignoriert werden, für den ist Warten oder hoffen sicherer als das eigene Sichtbarwerden. Diese Strategie schützt vor dem Risiko der Zurückweisung und verhindert damit genau den Kontakt, den das Bedürfnis sucht.
Im aktiven Modus zu sein bedeutet, sich sichtbar und angreifbar zu machen. Nicht, weil wir Gewissheit haben, dass es gut ausgeht, sondern weil uns das Bedürfnis wichtig genug ist, um das Risiko zu tragen.
Aktiv sein heißt dabei nicht, immer alles auszusprechen. Es heißt, wählen zu können: Wann bringe ich mein Bedürfnis mit anderen ins Spiel, mit aller Verletzlichkeit, die dazugehört? Und wann stelle ich es bewusst zurück, nicht aus Angst, sondern aus Situationsbewusstsein? Bewusst zurückstellen heißt gleichzeitig, das Bedürfnis zu spüren, es sich zuzugestehen und den Moment abzuwarten. Das ist etwas grundlegend anderes als chronisch unterdrücken, wo das Bedürfnis gar nicht mehr gefühlt werden darf.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob ein Bedürfnis erfüllt wird. Sondern ob es überhaupt im Spiel ist.