Wenn Selbstbilder sich verhärten
“Nähe ist mir nicht so wichtig.”
Vielleicht ist dass das, was wir für unsere Wahrheit halten, ein gut eingeübtes Ausweichmanöver.
Letzte Woche habe ich darüber geschrieben, wie jede Entscheidung einen Pol stärkt und den anderen frustriert. Dabei habe ich auch “Lieblingspole” erwähnt.
Manchmal sind diese Lieblingspole aber nicht, wofür sie sich geben. Manchmal sind es getarnte Vermeidungen, hinter der eine Schutzbewegung steht. Heute will ich beschrieben, wie es dazu kommt, und was wir tun können, um Bedürfnis von Vermeidung zu unterscheiden.
Bei einem Bedürfnis nach Bindung sind beide Pole, Nähe und Distanz, wichtig.
> Wir brauchen Kontakt, Gesehenwerden, Berührbarkeit.
< Und wir brauchen auch Rückzug, Grenzen, Alleinsein.
Seelisches Wohlbefinden heißt, sich zwischen Nähe und Distanz zu bewegen, und zwar Kontextadäquat je nach Situation, Person, Lebensphase.
Problematisch wird es dort, wo ein Pol zur festen Selbstbeschreibung wird:
“Nähe ist mir nicht wichtig.”
“Ich brauche niemanden.”
“Ich muss immer stark sein.”
Oder andersherrum:
“Alleine fühle ich mich immer einsam.”
“Nur wenn ich meinem Partner nah bin, gehts mir gut.”
“Unabhängig zu sein, macht mir Angst. “
Dann ist oft nicht nur ein Bedürfnis stark, sondern der Gegenpol kaum noch zugänglich:
~ Distanz schützt dann vor der Zumutung, wirklich in Beziehung zu gehen.
~ Freiheit schützt vor der Angst die entsteht, wenn wir jemanden brauchen.
~ Kontrolle schützt vor der Unsicherheit, eigene Entscheidungen zu verantworten.
Bewegung ist normal, Kleben ist ein Signal
Die innere Bewegung zwischen Bedürfnispolen ist normal, sogar notwendig für seelisches Wohlbefinden. Wir schwingen hin und her, mal mehr Nähe, mal mehr Distanz, mal mehr Freiheit, mal mehr Halt.
Wenn wir an einem Pol chronisch festkleben, lohnt sich Misstrauen: Vielleicht ist dann nicht unser Bedürfnis, sondern unsere Vermeidung im Spiel. Wir weigern uns, den anderen Pol überhaupt noch zu fühlen.
Doch wie unterscheiden wir das?
-> Ein gelebtes Bedürfnis fühlt sich meist verhandelbarer an. Wir wünschen es und können es (temporär) frustrieren. Da ist mehr Rhythmus drin, mehr (Selbst-)Kontakt, mehr vorwärts-gerichtetes erleben.
-> Vermeidung wirkt hart, absolut, nicht diskutierbar: “So bin ich halt!” beendet das Gespräch. Auch mit uns selbst. Es ist gefühlloser, kontrollierender. Mehr Rückzug und Vergangenheit.
Wir können uns fragen: was sind unsere vermeintlichen Lieblingspole, an denen wir festkleben? Und wir können uns vorstellen, wie es wäre, dem anderen Pol nur 10 % mehr Raum zu geben. Was würde das mit unserer inneren Statik machen?