Das Fremde in mir: wer erwartet was?
“Man macht das so.”
“Man ist nicht so bedürftig.”
“Man fällt anderen nicht zur Last.”
Wer spricht da eigentlich?
In den letzten beiden Beiträgen habe ich die Unterscheidung zwischen Selbst- und Fremdrepräsentanzen eingeführt. Heute will ich vertiefen, woran wir erkennen, dass eine Fremdrepräsentanz aktiv ist- ein inneres Bild davon, wie wir die Welt erleben und was wir erwarten.
Diese Bilder prägen, wie wir in Beziehungen gehen, bevor die andere Person überhaupt aktiv geworden ist. Und sie können den Zugang zu unseren Bedürfnissen blockieren, noch bevor wir sie spüren.
Fremdrepräsentanzen sind schwer zu durchschauen, weil sie sich wie Realität anfühlen.
Doch unangenehme Gefühle wie Angst, Scham oder Schuld informieren uns nicht unbedingt über die tatsächlichen Gefahren der Welt, sondern darüber, was wir gelernt haben, für gefährlich zu halten.
Das ist ein großer Unterschied. Wenn ich als Kind gelernt habe, dass Nähe mit Vereinnahmung einhergeht, dann meide ich heute vielliecht Nähe, auch wenn mein Partner gar nicht vereinnahmt. Mein Körper reagiert auf das innere Bild, nicht auf die Person vor mir.
Die Vergangenheit wird in der Gegenwart lebendig, ohne dass ich es bemerke.
Woran erkenne ich, dass eine Fremdrepräsentanz aktiv ist?
~”Man”-Sätze
Wenn ich von “man” spreche statt von “ich”, spricht oft eine verinnerlichte Erwartung. “Man ist nicht so empfindlich.” “Man funktioniert.” Was wie allgemeine Wahrheit klingt, ist ein inneres Bild, auf das ich reagiere.
~Gesichter tauchen auf
In der Arbeit mit Stühlen oder anderen Externalisierungen passiert es oft, dass wenn sich ein Klient mit einer inneren Erwartung beschäftigt, plötzlich ein bekanntes Gesicht auftaucht, z.B. der Mutter oder des Vaters.
~Beziehungen triggern inneres
Der Partner äußert Erwartungen, auf die ich innerlich sofort anspringe. Die Chefin kritisiert, etwas in mir kollabiert. Oft ist das, was im Außen triggert, eine Entsprechung zu einem inneren Bild, das lange da war.
~Projektionen
Ich erlebe den anderen als fordernd, kritisch, abweisend, und merke erst später, dass ich mein inneres Bild auf ihn projiziert habe. Aus inneren Konflikten werden äußere, ohne dass ich es mitkriege.
~Körperreaktionen vor dem Kontakt
Schon bevor ich den Raum betrete, spannt sich etwas an. Schon bevor ich frage, weiß ich, dass die Antwort Nein sein wird. Der Körper reagiert auf ein Bild, nicht auf die Realität.
Das Fremde in mir zu erkennen, heißt nicht, es loszuwerden, sondern, es von der Realität zu unterscheiden.
Erst dann entsteht die Möglichkeit zu prüfen: Stimmt dieses Bild noch? Oder steht es zwischen mir und dem, was ich eigentlich brauche?