Drei Gesichter der Abwehr
Warum sagen wir manchmal “Ich brauche das nicht”, und fühlen uns trotzdem leer?
Wird ein Bedürfnis mit einem inneren Schmerz gekoppelt, reagieren wir (unbewusst) so, dass wir einerseits aus Schutz den Schmerz abwehren, und dabei gleichzeitig dem gekoppelten Bedürfnis nicht nachgehen.
In meiner Arbeit als Coach beobachte ich oft folgende drei Formen von Schutzbewegungen:
1. Unterdrückung: Gar nicht mehr spüren
Das Bedürfnis wird aus dem bewussten Erleben ausgeschlossen, wie eine Art psychische Betäubung.
Wir sagen dann Sätze wie: “Hilfe brauche ich nicht,” oder “Erholung ist nicht so wichtig” – Weil Nähe, Stille, oder Zugehörigkeit einst Verletzung bedeutete.
Das Bedürfnis wird abgeschnitten vom bewussten Selbstbild.
2. Ersatz finden: Was anderes brauchen
Wir suchen uns Ersatz für das Bedürfnis, dass nicht gelebt werden kann, oft als Antwort oder Lösung für die Unterdrückung. Dabei finden wir Alternativen, die weniger bedrohlich scheinen.
Statt sich Zugehörigkeit im Team erleben zu lassen, werden endlose Stunden in Perfektion individueller Leistung investiert.
Oder: statt Autonomie zu leben, wird Kontrolle über den Partner ausgeübt. Macht ersetzt Freiheit. Nicht selbst entscheiden, sondern andere dirigieren.
3. Umkehrung: Das gegenteilige suchen
Eine besonders ausgefeilte Form, ein Bedürfnis zu spüren, ist das gegenteilige zu überhöhen und das eigentliche Bedürfnis zu verschmähen.
Wer z.B. Autonomie fürchtet, wird überangepasst und flüchtet sich in die Sicherheit: „Sag du mir, was richtig ist. Ich vertraue deiner Entscheidung.“ Der Kollege, der keine eigene Meinung äußert, immer fragt, nie entscheidet – und dabei glaubt, das sei Teamfähigkeit. Freiheitsbestreben wird dann als egoistisch oder unpassend abgetan.
Das ist es eine besonders mächtige Form des Schutzes: Das Bedürfnis wird nicht nur versteckt oder ersetzt, sondern aktiv abgelehnt. Wir identifizieren uns mit dem Gegenpol und verteidigen ihn vehement.
Der Teufelskreis
Das eigentliche Problem: Das Bedürfnis bleibt aktiv und verschwindet nicht durch Abwehr.
Es drängt weiter nach Erfüllung, aber jede Annäherung daran löst den alten Schmerz aus. Also ziehen wir uns zurück, bevor wir wirklich ankommen.
Von innen ist es ein Ringen zwischen dem, was wir existenziell brauchen, und dem, was wir uns nicht erlauben können zu wollen.
Die Abwehr kostet Energie. Aber der Schmerz, den sie fernhält, fühlt sich existenzieller an.
Nächste Woche beschreibe ich, warum diese Abwehr mal klug und notwendig war, und was es heute braucht, um wieder Zugang zu Bedürfnissen zu finden.