Gut gemeint, aber nicht hilfreich

Die Stimme einer Mutter, die sagte: “Steh zu deinem Wort”, war vielleicht genau das, was ein Kind brauchte, um Orientierung und Selbstachtung zu entwickeln. Aber dieselbe Stimme kann zwanzig Jahre später dazu führen, dass eine Führungskraft an einer Entscheidung festhält, obwohl sich die Lage längst verändert hat.

Verlässlichkeit wird dann zu Rigidität.

Auch wohlwollende innere Stimmen haben einen blinden Fleck: Sie entstehen in einem bestimmten Kontext. Und sie wissen nicht, wann dieser Kontext sich verändert hat.

Die Stimme klingt immer noch wohlwollend und fühlt sich richtig an. Genau deshalb ist sie so schwer zu hinterfragen.

Im beruflichen Kontext zeigt sich das häufig bei Wechseln, zwischen Teams, Rollen, Branchen, Kulturen:

~ Eine Ingenieurin wechselt in ein Startup. Ihre innere Stimme sagt: “Gründlichkeit zahlt sich aus.” Was sie jahrelang erfolgreich gemacht hat, wird im neuen Umfeld zum Bremsklotz. Dort zählen Geschwindigkeit, Iteration, gute-genug-Lösungen. Die Stimme meint es gut, aber sie spricht aus einer Welt, die nicht mehr die aktuelle ist. Sie bedient ihr Bedürfnis nach Sicherheit und Selbstachtung und hemmt gleichzeitig den Pol Freiheit.

~ Ein Manager, der in einer Kultur sozialisiert wurde, in der Bescheidenheit als Tugend galt, bekommt ein Mandat in einem Umfeld, das Sichtbarkeit und Selbstvermarktung belohnt. Seine innere Stimme sagt: “Du musst dich nicht aufdrängen, sei wie du bist.” Was einst Respekt und Zugehörigkeit sicherte, kostet ihn in diesem Kontext Einfluss und Wirksamkeit. Und den Zugang zum Bedürfnis, sich zu zeigen und einzigartig zu sein.

In diesen Situationen bedient die wohlwollende Stimme einen bestimmten Pol, wie Sicherheit, Zugehörigkeit, Selbstachtung. Aber sie tut es auf eine Weise, die im aktuellen Kontext den Gegenpol verschließt. Nicht, weil das Bedürfnis nicht da wäre, sondern weil eine gut gemeinte Stimme seinen Platz in diesem Raum besetzt.

Das Problem ist nicht die Stimme selbst. Sie war einmal passend, und ist es in bestimmten Umfeldern auch immer noch. Sie war und ist eine kluge Antwort auf eine bestimmte Welt.

Das Problem entsteht oft dann, wenn wir aufhören zu prüfen, ob diese Welt noch die ist, in der wir leben.

Wohlwollende Stimmen verdienen Dankbarkeit und Befragung. Nicht, um sie loszuwerden, sondern um zu spüren, welchen Bedürfnissen sie Raum geben, welchen nicht, und ob ich meine Wahlmöglichkeiten erweitern will. Vielleicht will ich mich auf einen neuen Kontext einlassen und neue Stimmen zulassen. Vielleicht suche ich mir Umfelder, die zu meinen Stimmen passen. Beides hat seinen Ort. Was sich lohnt, ist zu spüren, wer da gerade entscheidet.