Wenn Bewegung nicht nährt, sondern schutzt
Manche innere Bewegungen sind in Wahrheit gut getarnte Vermeidung. Was heißt das?
Bisher habe ich die Beweglichkeit zwischen den Polen der Grundbedürfnisse als essenziell für seelisches Wohlbefinden beschrieben, als Ausdruck innerer Vitalität und Selbstkontakt.
Aber manchmal fließen wir nicht, sondern bewegen uns stagnierend im Kreis.
Wie eine liegende Acht:
> Hin zum Bedürfnis. Aber nur bis zum Punkt, wo Schmerz aufkommt.
< Dann der Rückzug. Scheinbar zum Gegenpol, tatsächlich in Sicherheit.
> Und dann wieder zurück zum Bedürfnis. Nicht aus Sehnsucht, sondern aus Mangel.
Was aussieht wie Rhythmus, ist dann eher ein Ausweichen – vor Enttäuschung, alten Wunden, Verletzlichkeit.
Typische Sätze aus dem Coaching:
„Ich brauche Nähe. Aber irgendwie wird‘s dann immer zu viel.“
„Ich genieße Freiheit. Aber dann kommt Leere, also such ich doch wieder Bindung.“
„Ich will mich zeigen. Und wenn‘s ernst wird, passt der Moment doch nicht.“
Das klingt nachvollziehbar und ist oft auch ehrlich. Aber es ist nicht immer Ausdruck eines Bedürfnisses.
Oft beginnt die Bewegung mit einer vorsichtigen Annäherung: Wir erlauben uns, ein Bedürfnis zuzulassen und den Wunsch zu spüren. Doch in dem Moment, in dem das Bedürfnis konkret wird, meldet sich in uns eine Irritation, ein Alarm, eine vage Form von Unbehagen.
Statt weiterzugehen, stoppen wir. Nicht immer bewusst, oft wie automatisch. Die Richtung kehrt sich um.
Weg vom Bedarf, hin zur Entlastung.
Doch was aussieht wie ein Wechsel zum anderen Pol, ist oft eine Unterbrechung der Kontaktaufnahme: keine echte Entscheidung für oder gegen, sondern ein Schutzreflex.
Die Folge ist ein Hin und Her, dass Bewegung simuliert, aber nie Kontakt herstellt. Das Bedürfnis bleibt auf Distanz. Nicht, weil es nicht da wäre, sondern weil sein Erleben mit zu viel Unsicherheit verknüpft ist.
Wie erkennt man den Unterschied?
Bewegung aus Kontakt:
~ Ich spüre mich, auch wenn ich mich verändere.
~ Ich drücke aus, was ich will – ohne mich zu rechtfertigen.
~ Es gibt einen inneren Boden, von dem aus ich entscheide.
Bewegung aus Vermeidung:
~ Ich gehe. Aber ohne angekommen zu sein.
~ Ich ziehe mich zurück. Ohne gefühlt zu haben.
~ Ich wechsle. Aber ohne Wahl.
Ein gelebtes Bedürfnis fühlt sich eher weich, atmend, rhythmisch an.
Vermeidung eher starr, eng, kontrollierend.
Das eine nährt. Das andere schützt.
Manche Bewegungen fühlen sich lebendig an, aber sie führen uns nur im Kreis. Wenn wir den Unterschied spüren lernen, öffnet sich ein Raum für echte Kontaktmomente. Für das, was wir wirklich brauchen, und für ein Erleben, das nicht mehr fliehen muss.