Wer spricht da eigentlich?
Sprechen wir über unsere Wünsche, Ziele oder Hemmungen, tun wir oft so, als hätten wir nur eine innere Stimme, die spricht. Dabei können wir unsere Persönlichkeit in der Praxis eher als Ansammlung verschiedener Persönlichkeitsteile verstehen.
Wenn das so ist: Wer genau “in uns” erlaubt oder verweigert den Zugang zu einem Bedürfnis?
In meiner Arbeit mit Klientinnen unterscheide ich meist zwischen zwei Arten innerer Muster: Selbst- und Fremdrepräsentanzen.
Selbstrepräsentanzen sind innere Bilder davon, wie wir uns selbst erleben. Sie sind nicht statisch, sondern bilden das ab, was wir gerade an uns erleben und zum Ausdruck bringen – durch Wahrnehmen, Fühlen, Wollen, Denken, Tun.
“Ich bin jemand, der vorsichtig ist.”
“Ich bin nicht so bedürftig.”
“Ich halte mich zurück.”
Diese Muster entstanden oft als kluge Antworten auf schwierige Situationen.
Fremdrepräsentanzen sind innere Bilder davon, wie wir andere Menschen und das Außen erleben – und was wir von ihnen erwarten.
“Wenn ich Nähe wünsche, werde ich vereinnahmt.”
“Wenn ich mich zeige, werde ich abgelehnt.”
“Andere sind nicht verlässlich.”
Diese Erwartungen prägen, wie wir Beziehungen eingehen, oft bevor das Gegenüber überhaupt reagiert hat.
Beide wirken zusammen. Wenn also ein beeinträchtigtes Bedürfnis aktiv wird, meldet sich oft eine Selbstrepräsentanz, z.B. so: “Sei nicht so bedürftig”.
Dazu kommt dann eine Fremdrepräsentanz, z.B.: “Du wirst sowieso enttäuscht werden”. Gemeinsam halten sie das Bedürfnis in Schach.
Das Tückische daran ist, dass beides innere Bilder sind, geformt aus Erfahrungen, die Teil von uns sind. “So bin ich eben” und “So wird es sein” fühlen sich gleichermaßen wahr an. Aber das eine bezieht sich auf mich, das andere auf die Welt.
Im Arbeitskontext:
~ Eine Führungskraft zögert, Unterstützung anzunehmen. Innerlich sagt etwas: “Ich schaffe das allein” (SR) und gleichzeitig: “Wer Hilfe braucht, wird als schwach gesehen” (FR).
In Beziehungen:
~ Ein Partner äußert keine Wünsche. “Ich bin eben genügsam” (SR). Und dazu: “Wenn ich zu viel will, werde ich verlassen” (FR).
Die Frage “Wer spricht da eigentlich?” öffnet den Raum für Differenzierung. Zwischen dem, wie ich mich selbst erlebe, und dem, was ich von anderen erwarte. Zwischen innerem Bild und äußerer Realität.
Und erst wenn ich höre, wer da spricht, kann ich fragen: Stimmt dieses Bild noch – oder war es einmal eine Lösung, die heute im Weg steht?
Zwei Fragen zur Reflexion
~ Welche Sätze über mich selbst tauchen auf, wenn ein Bedürfnis sich meldet?
~ Und was erwarte ich in diesem Moment von anderen?